ZWST-Tagungen zu Antisemitismus und
psychischen Folgen der Migration


Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden und das Bundesfamilienministerium organisierten im Rahmen des Entimon-Projektes "Gemeinsam gegen Gewalt und Rechtsextremismus" zwei Tagungen zu drängenden Themen, wie das zahlreiche Erscheinen in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt/M. verdeutlichte.
Da der Antisemitismus auch nach der Shoah weiterhin präsent ist und zur politischen und religiösen Kultur zahlreicher Gesellschaften gehört, ist es immer wieder dringend geboten, Hintergründe, Motive und Ausdrucksformen antisemitischer Stererotypen zu thematisieren, wie der Vorstandsvorsitzende der ZWST, Herr Lehrer und der Geschäftsführer des Zentralrates Herr Stephan Kramer in ihrer Begrüssung betonten. Die Tagung Ende November (2003) zum Thema "Ewiger Judenhass" mit 250 Teilnehmern leistete auf vielfältige und produktive Weise ihren Beitrag dazu.

Prof. Micha Brumlik vom Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt/M. lieferte mit seinem einleitenden Vortrag zum Thema "Was ist Antisemitismus?" einen Überblick über die verschiedenen Ausdrucksformen antisemitischer Weltbilder. Er charakterisierte Judenfeindschaft als ein soziales Phänomen und veranschaulichte durch zahlreiche Beispiele die verschiedenen Formen und Inhalte des Judenhasses im Laufe der Geschichte.
Verschiedene Vorträge skizzierten die Wurzeln und Inhalte des gegenwärtigen Antisemitismus weltweit. Der Historiker Dr. Gerd Koenen beschrieb die Geschichte des sowjetischen Antisemitismus - bis hin zur rechten "Pamjat-Bewegung" in der ersten Hälfte der 90er Jahre. Hier äusserte sich der Judenhass als offener Antisemitismus der Strasse. Die Motive der jüdischen Migranten aus der GUS, ihr Land zu verlassen, seien daher beherrscht von einer entsprechend grossen Unsicherheit.
Dr. Matthias Küntzel verdeutlichte mit seinem Vortrag die Dramatik eines zunehmenden Judenhasses der Islamisten, der auf keine Gegenbewegung stößt und sich mit wachsender Geschwindigkeit als der wichtigste gemeinsame Nenner der Muslime etabliert. Dr. Küntzel kritisierte die Verharmlosung der antisemitischen Strömungen in den muslimischen Gemeinden Europas sowie die vorherrschende Doppelmoral in der westlichen Öffentlichkeit: der Antisemitismus eines Le Pen oder des Abgeordneten Hohmann stossen auf Empörung, der islamische Antisemitismus kaum. Als jüngstes Beispiel nannte er die bis vor kurzem unter Verschluss gehaltenen Ergebnisse einer EU-Studie zu Antisemitismus. Als äusserst gefährlich bewertete Dr. Küntzel die Haltung, den arabischen Antisemitismus als Folge des Nahost-Konfliktes zu begreifen. Israel und die Zionisten würden für die Entstehung des arabischen Antisemitismus verantwortlich gemacht, was schon historisch nicht korrekt sei.
Einen andere Perspektive für die Entstehung antisemitischer Weltbilder bot der Film "Jud Süss", eingerahmt von einem spannenden Exkurs der Publizistin und Kennerin der deutschen Filmlandschaft Christiane v. Wahlert zur nationalsozialistischen Filmpolitik. Sie zeigte auf, wie durch den alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringenden Einsatz von Massenkommu-nikationsmitteln (Hörfunk und Film) und die Macht der Bilder eine totalitäre Weltanschauung und antisemitische Gefühlsdispositionen durchgesetzt werden konnten. Die Verwendung anti-semitischer Stereotype in Kunst und Kultur in Vergangenheit und Gegenwart skizzierte auch Dr. Ulbricht, Jena, mit seinem Beitrag "Antisemitismus als kultureller Code der Kulturkritik."

Die zweite Tagung der ZWST zum Thema "Kränkung und Krankheit" mit 180 Teilnehmern setzte sich mit den psychischen und psychosomatischen Auswirkungen der Migration bei jüdischen Migranten aus der ehemaligen SU auseinander. Prof. Doron Kiesel von der FH Erfurt bewertete in seiner Einleitung die Migration als eine Zumutung für Körper und Seele und eine der schlimmsten Belastungen, die der Migrant aushalten und bewältigen muss. Der Vorstandsvorsitzende der ZWST, Abraham Lehrer veranschaulichte die Desorientierung und das Erleben eines Kulturschocks im Aufnahmeland: "Die Sprache ist nicht mehr die gleiche, die Wertmaßstäbe sind oft andere, das Klima, die Klänge, die Stimmen, die Melodien, die Gerüche: alles ist anders." Allerdings liesse sich der Integrationsverlauf durchaus erfolgreich bewältigen, durch Orientierungshilfen über Menschen aus der eigenen ethnisch-religiösen Gruppe im Aufnahmeland und durch Fachleute wie Sozialarbeiter, Psychologen, Therapeuten und Mediziner. Dies zeigten auch die verschiedenen Beiträge professioneller Referenten: Einen systematischen Einblick in die subjektiven Problemlagen der Migranten gab Prof. Machleidt von der Medizinischen Hochschule Hannover, indem er verschiedene positive und negative Phasen des Migrationsverlaufs darstellte. Er betonte, dass die gewohnten diagnostischen und therapeutischen Ansätze im interkulturellen Vergleich relativiert werden müssten. Der Psychoanalytiker Dr. Erdheim (Zürich) verdeutlichte die Ambivalenz der Migration anhand des Modells der Adoleszenz. Ähnlich wie das Erwachsenwerden ist das Verlassen der Heimat ein schmerzhafter Loslösungsprozess, bietet aber auch eine Chance für einen Neube-ginn. Dr. Koch, leitender Arzt aus dem psychiatrischen Krankenhaus in Marburg, berichtete von seiner Arbeit mit türkischen Migranten. Wenn auch die Voraussetzungen anderer "communities" sich von jüdischen Migranten unterscheiden zeigte sein Vortrag die hohe Bedeutung des interkulturellen Austausches. Der Psychoanalytiker Dr. Grünberg vom Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt/M. skizzierte die Integration vor dem Hintergrund der psycho-sozialen Spätfolgen der Shoah. Er begreift die Konfrontation zwischen Alteingesessenen und Zuwanderern auch als Chance: da die meisten Alteingesessenen selber Einwanderer sind, könnte dieser gemeinsame Erfahrungshintergrund eine Brücke schlagen.

Weitere Referenten ermöglichten anhand von persönlichen Geschichten eingewanderter Juden aus der ehemaligen SU ein "..Hineinblicken in die Sprechzimmer der Therapeuten, Ärzte und Sozialabteilungen der Jüdischen Gemeinden.." Dr. Susanne Ferber, Ärztin für Neurologie und Psychiatrie aus Langen und Dr. Guschanski, Hannover, veranschaulichten anhand ihrer Patientengeschichten die Krankheitsbilder der Migranten. Die Vorträge der beiden Ärzte zeigten, wie wichtig das Wissen über die Sozialisation und das Gesundheitssystem im Herkunftsland ist, um sich als Arzt im Aufnahmeland besser auf den Patienten einstellen zu können. Judith Kessler, Redakteurin der Gemeindezeitung "jüdisches berlin" und Dalia Moneta, Leiterin der Sozialabteilung der Gemeinde Frankfurt/M. berichteten von den alltäglichen Schwierigkeiten im Integrationsprozess. Judith Kessler betonte, wie wichtig es sei, sich in die jeweils andere Seite hineinzuversetzen: "Erinnern wir uns alle an unsere ersten Schritte in diesem (oder einem anderen) Land, tun wir uns gegenseitig nicht (noch mehr) weh, seien wir etwas weniger rechthaberisch und lassen wir uns gegenseitig leben, mit all unseren Biografien, Lebensentwürfen und Meschuggas." Anhand von fiktiven und gleichzeitig sehr realen Zuwanderergeschichten beschrieb Dalia Moneta ihre Arbeit als "interkulturelle Dolmetscherleistung", die die Sozialarbeiter in den Jüdischen Gemeinden zu vollbringen haben.

Die ZWST möchte sich an dieser Stelle bei allen Referenten und vor allem bei Prof. Doron Kiesel bedanken, der bei beiden Tagungen die Leitung und Moderation übernommen hatte und die Teilnehmer mit seinem spannenden Vortrag über Geschichte und Verlauf des Migrations- und Integrationsprozesses in Deutschland informierte.
Heike von Bassewitz, ZWST