Das letzte Halbjahr des Jahres 1989 brachte einschneidende Veränderungen für die jüdischen Gemeinden mit sich. Als Folge des Mauerfalls und der Auflösung der Sowjetunion begannen Juden aus der ehemaligen SU über Ostberlin in die alte Bundesrepublik einzureisen. Dieser ungeregelte Zuzug der Zuwanderer wandelte sich nach einigen Fristverlängerungen über den "Königsteiner Schlüssel" in einen geregelten Ablauf der Zuwanderung. Dadurch wuchsen die bestehenden Gemeinden auf das Dreifache ihres jahrzehntelangen Bestandes an, neue Gemeinden wurden gegründet und auch die Arbeit der ZWST wandelte sich. Im Vordergrund stand nun die Betreuung und Integration der jüdischen Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion.
Der hohe Anteil der russischen Zuwanderer bedeutet für das Judentum in Deutschland eine erhebliche Veränderung. Die Zuwanderer sind eine Bereicherung und große Chance für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland, sie stellen die jüdischen Gemeinden und Landesverbände sowie die ZWST aber auch vor hohe Anforderungen. Nur wenige der Zuwanderer aus der GUS haben einen Bezug zur jüdischen Religion und Tradition, verständlich vor dem Hin-tergrund der Situation in ihrer Heimat. In diesem Zusammenhang war und ist es eine der zentralen Aufgaben der ZWST, den Zuwanderern jüdisches Wissen zu vermitteln und somit die jüdische Identität zu stärken, um sie als engagierte Mitglieder für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland zu gewinnen.
Zahlenmäßiger Anstieg und die inhaltliche Ausdifferenzierung der ZWST-Aktivitäten im Laufe der letzten 15 Jahre spiegeln die Veränderungen vor dem Hintergrund der Zuwanderung aus der GUS wider. Mittlerweile haben sich die Anforderungen an die ZWST verlagert. Zu Anfang der 90er Jahre stand das "Überleben in der Fremde" für die Neuzuwanderer im Vordergrund: Integrationshilfen wie der Umgang mit Behörden, Unterstützung bei der Wohnungssuche, Sprachkurse und Informationen über das politisch-soziale System in Deutschland waren daher der Schwerpunkt unseres Aufgabenspektrums. Integrationsseminare für Neuzuwanderer und Angebote zur beruflichen Integration sind weiterhin wichtiger Bestandteil unserer Arbeit. Doch darüber hinausgehend konzentrieren sich unsere Aufgaben entsprechend der Bedarfsstruktur stärker auf den psycho-sozialen Bereich. Aktuelle Probleme wie anhaltende Arbeitslosigkeit oder unterqualifizierte Beschäftigung vor allem in der mittleren Altersgruppe und die Isolation unter den älteren Zuwanderern haben ernsthafte psychische Folgen. Schwer zu bewältigende Alltagsprobleme sind verbunden mit einem sozialen Statusverlust. Unsere stärker spezifizierten Aus- und Fortbildungsangebote im Bereich der Sozialarbeit wollen den Auswirkungen dieser Situation gerecht werden. Die Familien können die Probleme immer weniger auffangen, da die Generationen sich zunehmend voneinander entfernen und familiäre Strukturen auseinanderfallen (z.B. wachsende Scheidungsquote). Mit einem verstärkten Angebot im Bereich der Betreuung und Ausbildung von Kindern und Jugendlichen versucht die ZWST auf innerfamiliäre Probleme einzugehen. Aufgrund größerer Offenheit und schnellerer Lernerfolge in diesen Altersgruppen bestehen große Chancen, über diese Zielgruppe auch in die Familien hineinzuwirken. In Zeiten abnehmender materieller und personeller Ressourcen fördert die ZWST verstärkt das Ehrenamt entsprechend dem Prinzip "Hilfe zur Selbsthilfe", um sozialen Problemen Abhilfe leisten zu können. Das Engagement der ZWST soll den einschneidenden Veränderungen innerhalb der letzten 15 Jahre Rechnung tragen.
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